7/25/2026

Nicht die Digitalisierung

Als Kind musste ich für Vieles das Haus verlassen. Kontoauszüge und Geld gab es nur bei der Bank. Fahrkarten am Schalter. Briefe kamen mit der Post. Arzttermine wurden telefonisch vereinbart und wer etwas wissen wollte, ging in die Bibliothek oder fragte jemanden, der sich auskannte (wobei ich das heute noch lieber mache, als ChatGPT im Nachhinein fakechecken zu müssen).
Heute passt all das in die Hosentasche und wir haben alles immer und überall dabei, obwohl wir ja faktisch sowieso nur zuhause sind. Wir behaupten immer, dass die Digitalisierung unseren Alltag vereinfachen würde, dabei leben wir diesbezüglich in einem echt rückständigen Land, in dem Umstellungen auf digitale Abläufe meist anfangs mehr Aufwand bedeuten als vorher. Das liegt zum Teil am Fremdeln einer immer älter werdenden Gesellschaft, an Ängsten, die mehr oder minder begründet sind und vor allem daran, dass man sich nicht die Zeit nimmt, alle mitzunehmen. Jene, die längst digital leben, sind soweit vorn, dass ihnen die ungelenken Versuche von Boomern oder noch älteren Generation wie cringen vorkommt und sie diese als verloren sehen und jene, die lernen wollen bekommen oft nicht die Zeit sich langsam umzustellen, weil der Fortschritt zu schnell voran schreitet. Da klafft echt eine Lücke. Das erklärt dann auch so wilde Aussagen, wie jene, dass Digitalisierung die Menschheit in den Untergang stürzt und beängstigend ist. Was würden solche Menschen denken, wenn sie wüssten, dass jemand unter ihnen tagtäglich damit zu tun hat, weil es sein Leben erleichtert und ihm die Möglichkeit gibt, ein halbwegs "normales" Leben zu leben und trotz der Kritik, die er selbst an vielen Dingen hat, eine Möglichkeit gefunden hat, mit der Zeit zu gehen?

Und dann präzisieren wir das mal, die elektronische Patientenakte, generell eine großartige Idee, wenn sie denn funktionieren würde. Ein Arzt, der keine Ahnung über meine Grunderkrankung hat, der nicht einmal weiß, warum bei mir kürzlich extra noch einmal Blut abgenommen wurde hat meine elektronische Patientenakte vorliegen, aber kann mir nicht helfen, weil er sie nicht liest, weil dafür keine Zeit ist? Ist das die Erklärung, warum er mir nicht sagen kann, warum diese Extra-Blutentnahme stattfand, was die Laborwerte für mich bedeuten, weil ein anderer Arzt sie angewiesen hat, ist er nicht zuständig? Das hat absolut nichts mit Digitalisierung oder einer holprig anlaufenden E-Akte zu tun, das ist einfach nur Unfähigkeit in der Kernkompetenz. Das musste mal am Rande raus. Meine E-Akte müsste so wie der fette Ordner, den ich hier zu meiner Gesundheit habe zurückgehen bis ins Jahr 1990 und meinen kompletten medizinischen Werdegang erklären und das immer wieder aufkommende Unverständnis meiner Person gegenüber komplett erklären, trotzdem muss ich meiner behandelnden Ärztin erklären, dass es mich triggert, wenn Leute über ihre tollen Transplantationsträume sprechen. Da wird mir dann vorgeworfen, dass ich mich nicht für andere freuen kann, eine solche Aussage bringt mich nahezu zum Kochen, es ist einfach nur eine Frechheit und ein deutliches Signal für mich, dass man sich noch nie wirklich mit mir beschäftigt hat als Patient und/oder auch als Mensch. Und das ist wirklich sehr enttäuschend.

Also so viel wir auch in Digitalisierung investieren, sollten wir doch vor Allem in das Personal investieren, dass versteht, dass es nicht reicht die Daten und den Zugriff auf alle Informationen zu haben, wir brauchen vor Allem die Menschen mit der Fähigkeit das auch zu nutzen und zu verstehen. Das hat wenig mit Intelligenz sondern viel mehr mit Empathie zu tun. Und die vermisse ich leider gerade bei den höheren Graden der Medizin immer mehr. In diesem Sinne...

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