8/27/2022

Wie Bilder die Realität verzerren

Unser Gehirn ist eine großartige Maschine, sie speichert Erinnerungen und verknüpft sie gleichermaßen mit anderen Sinnesempfindungen, um in ähnlich gearteten Situationen zurückzugreifen und uns eine geeignete Lösung anzubieten. Meist geschieht das vollkommen unterbewusst und das Hirn lernt ohne Hilfe. Seit circa 100 Jahren haben wir jedoch die Möglichkeit „Erinnerungen“ auf Bild festzuhalten. Mit der Erfindung der Kamera sind unglaubliche Möglichkeiten für das Gehirn hinzugekommen zu lernen. Man kann nun visuell Dinge wahrnehmen, die man selbst nicht erfahren hat und das Hirn lernt so auch von den Erfahrungen Anderer. Was jedoch fehlt ist meist der Kontext. So kann man sich die Urlaubsfotos von Bekannten ansehen und hat dabei keinerlei Kontext, es gibt auch gute Bilder, die ihren Kontext mitbringen aber meist sind die Urlauber selbst dann jene die ihre Geschichte erzählen, warum sie gerade dieses x-beliebige Kiosk fotografiert haben oder wie lecker das Brötchen am Strand war. Wir werden das nicht vollständig nachempfinden können aber unser Gehirn speichert die Informationen zusammen ab. Und noch mehr, es speichert wahrscheinlich sogar noch die Empfindung, die wir beim Ansehen des Bildes hatten, die Umgebungstemperatur, Düfte, Lichtverhältnisse und Vieles mehr ab, was wir im Moment des Bildansehens empfinden. Und jetzt sehen wir uns die Bilder 20 Jahre später wieder an. Ist die Geschichte noch die gleiche oder haben sich unsere Interpretationen zu den Bildern verfestigt und am Kiosk gab es frische Brötchen und es war ungewöhnlich warm am Strand? Kann ich nicht sagen.

Was mir jedoch auffällt ist, dass ich gerade 1500 Dias digitalisiert habe und diese eine komplett entgegengesetzt meiner Wahrnehmung und auch der nachweisbaren Realität erzählen. Alles wirkt gestellt und inszeniert, dem Fotografen schien es wichtiger gewesen zu sein, eine für sich perfekte Vergangenheit abzubilden, die er sich mit jedem weiteren Betrachten der Bilder auch einreden konnte, dabei aber völlig außer Acht lässt, dass man die Wirklichkeit nicht auf 36 Bildern abbilden kann, zumindest nicht, wenn man es nicht fühlt. Und genau das ist mir aufgefallen. Ich habe in letzter Zeit sehr viel mit Emotionen wie Enttäuschung und Wut zu tun gehabt, die Familie ist zerbrochen etc. Von den 1500 Bildern erzeugt kaum irgendeines eine Emotion. Warum? Weil es ein Blickwinkel der Realität ist, der nicht vollständig scheint. Es ist der Blick des abseits stehenden Fotografen, der nur beobachtet, nicht eingreift und nie Teil der Geschichte ist. Generell eine gute Fähigkeit, wenn man Kriegsberichterstatter ist, da würde es einen vermutlich killen psychisch, wenn man sich zu viele Gedanken über die Inszenierung macht.


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